G E R M A I N E  R I C H T E R

 

 

 

Aktuelles

 

 

Kunstvermittlung

 

Positionen zeitgenössischer Kunst

 

Kleine Kunststunde zu Maurizio Cattelan und Erwin Wurm

 17.März, 24.März, 14.April 2026

jeweils 17.30 - 19.00

VHS Schwerte

 

 

Werkpräsentationen

 

 

 

                                                                                                          

                                                                       

                                                                           Graphik zu 500 Jahre Reformation

Künstler illustrieren Luther-Zitate

"Die größte Ehre, die ein Weib hat, ist allzumal, dass Männer durch sie geboren werden."

Gemeindezentrum an der Viktor Kirche

Schwerte, Marktplatz

Dauerausstellung

 

 

Aktuelle Ausstellungsbesuche

 

 

Germaine Krull. Chien fou, Autorin und Fotografin

Folkwang Museum Essen, 28. November 2025 – 15. März 2026

 

Die Ausstellung widmet sich, und das ist neu, intensiv den Texten, die Germaine Krull hinterlassen hat: Tagebucheinträge, Texte in Fotobüchern, persönliche Notizen, Briefe. Damit öffnet sie eine differenzierte, geweitete Sicht auf diese Fotografin des 20. Jahrhunderts und das Leben ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht. Ihr umfassendes Werk beinhaltet Akte, Landschaften, Tanz- und Figurenstudien, Portraits, abstrahierende Aufnahmen industrieller Bauwerke, kunstgeschichtliche Objekte, Architekturen, experimentelle Versuche zur Farbfotografie.

 Die Ausstellung wirft einen umfassenden Blick auf den Nährboden, auf dem diese intensive Vielfalt entstehen konnte. Und darin besteht das Mehr dieser Werkschau. In elf Teilen entwickelt das Ausstellungskonzept in Form von Zitaten und Textauszügen aus Krulls Schriften ein vielschichtiges Bild dieser selbstbewussten, handlungsstarken Frau, die Fotos erhalten dabei fast sekundäre Bedeutung innerhalb dieser vitalen Biografie. Es entsteht die Vorstellung einer wahrnehmungs- und entscheidungsstarken Frau des 20. Jahrhunderts.

Schon ihr Name lässt aufhorchen. Ein französischer Vorname für die erstgeborene Tochter eines deutschen Paares in Wilda, an der deutsch-polnischen Grenze 1897, vielleicht eine Nähe zu den dort angesiedelten Hugenotten des 17. Jahrhunderts? Der Vater war Ingenieur, kritisch gegenüber Staat und Kirche, zog beruflich durch Europa, so wuchs Germaine Krull an vielen unterschiedlichen Orten auf, u.a. in Bosnien, Rom, Paris, Montreux, in der Nähe von Graz und in Bad Aibling, ab 1912 in München. Früh entwickelte sie ein Gefühl von Unabhängigkeit und hing revolutionären Ideen nach, stand kommunistischen Gesellschaftsformen nahe. Ihre wilde Entschlossenheit drückt sich auch in ihrem Spitznamen aus, der auf eine Freundin zurück geht, die sich eigentlich auf ihr festes unzähmbares Haar bezog, „Chien fou“, „Zottel“.

Sie beendete eine Ausbildung als Fotografin und übte diesen Beruf zeitlebens aus, aber Fotografieren rückte mehrfach in ihrem Leben in den Hintergrund, wenn politische Ereignisse wegweisender wurden und stärker ihren Weg bestimmten, so z.B. die Gründung der kommunistischen Räterepublik in Bayern 1919 oder Lenins Bestrebungen, einen Weltkommunismus zu gründen 1921 in Moskau. Dabei scheute sie nicht, tatkräftig Unterstützung zu leisten, Gefängnisstrafen auf sich zu nehmen und ausgewiesen zu werden, aber sie bekannte sich auch öffentlich zu ihren „Irrtümern“ und schlug dann neue Wege ein. Und immer waren herausragende Menschen Wegbegleiter für ihre Orientierung, dazu gehörten, Max Horkheimer und Friedrich Pollock, Ernst Toller und Rainer Maria Rilke, genauso wie Kurt Eisner und Tovia Aksel’rod, später sogar der Dalai Lama in Tibet.

Nach den Stationen Düsseldorf, Berlin und Amsterdam mietete sie sich 1926 ein Atelier in Paris und konzentrierte sich erneut auf Fotografieren, es entstanden die Aufnahmen der 20er und 30er Jahre, für die sie bekannt wurde, überraschende Sichtweisen auf das Leben dieser Zeit. Französisch wird für sie, die offiziell einen deutsch-niederländischen Pass hat, zur „Muttersprache“, ganz gleich in welcher Station ihres Lebens sie gerade angekommen ist.

So gehört sie 1941 mit vielen Intellektuellen Europas zu den Emigranten auf der Flucht vor dem Faschismus von Marseille nach Martinique, was auch Thema ist in der filmischen Arbeit von William Kentridges To Cross One More Sea (2024), die gleichzeitig im Folkwang gezeigt wird. (Wunderbare Planung!) Von Martinique gelangt sie nach Brasilien, von dort im Auftrag von France libre und de Gaulle nach Brazzaville, Republik Kongo, Algier und das Elsass. Nach dem 2. Weltkrieg verlässt sie Europa mit dem Bewusstsein „endgültig“, geht für André Malraux nach Kambodscha, Myanmar, Thailand, dort arbeitet sie als Managerin des Oriental Hotel von 1947 bis 1962, es folgen Indien und Jahre in der Sakya-Gemeinschaft in Tibet. Erst nach einem Schlaganfall in den 80ern kehrt sie nach Deutschland zurück, wo sie 1985 bei ihrer Schwester Berthe in Wetzlar stirbt.

Überraschend, dass trotz dieser bewegten Lebensschleifen die Worte aus ihrem frühen Manifest „Ètudes de nu“, Paris 1930, sinngebend als Fazit ihres Lebens stehen können und deswegen von den beiden Kuratorinnen, Petra Steinhardt und Kerstin Meincke, ausgewählt wurden, den Abschluss der Ausstellung in Raum elf zu bilden. Als Germaine Krull diese Worte schrieb, waren sie vielleicht eher noch Ahnung von dem, was sie im Leben später erlebte.

 „Die Welt. Die Welt dieser Zeit. Und der Mensch, der nichts weiter ist als ein mobiles Objekt in der Welt – und in der Zeit. Und der Mensch, der durch die Zeiten moralisch selbe Mensch. - “

 

 

William Kentridge. Listen to the Echo

Folkwang Museum Essen, 4. September 2025 – 28. Januar 2026

Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 6. September 2025 – 28. Juni 2026

 

Welch ein sprechender und damit gelungener Ausstellungstitel im Hinblick auf die Botschaften des Künstlers!

William Kentridge erklärt die Aufforderung wie folgt: „Dem Echo zu lauschen bedeutet, offen zu sein für das, was auf einen zukommt… Das Echo ist nicht notwendigerweise ein akustisches, es kann ebenso ein visuelles Echo sein, ein Impuls vielleicht, der sich im Körper spüren lässt, ohne dass man sagen könnte, was genau die Aufmerksamkeit erregt.“

Auf einer Tuschearbeit auf Buchseiten von 2015 „Untitled (Listen for the Echo)“, 380x215cm, stehen am unteren Rand in großen Druckbuchstaben die Worte „LISTEN FOR THE ECHO“, vielleicht als Widerhall der in kleineren Lettern gegebenen Inschrift im Blatt selbst „AS IF I COULD SWALLOW WHAT I HAD JUST SAID“; weitere Bedeutungsträger auf dem Bild: Nelken in einem Einmachglas vor einer groben Mauer. Das Raster der collagierten Buchseiten gibt den Rhythmus der Steine vor.

Welcher Widerhall steckt allein in den Details dieser Arbeit:

  • Wörter, die einmal ausgesprochen sind, können nicht wieder verschluckt werden, sie leben weiter
  • Ein dunkles Gemäuer mit schwärzlichem Fensterloch lässt Fragen nach Gebäudeart und Verborgenem im Inneren aufkommen
  • Die aus Zeitungspapier collagierten Nelkenblüten erinnern an politische Bewegungen, z.B. die Nelkenrevolution Portugals, hier strahlen sie weiß vor dem unheimlichen Fensterrechteck
  • Der provisorisch abgestellte Blumenstrauß vor der Hauswand lässt die Gedanken wandern in Richtung Mahnen oder Gedenken
  • Die vielen Schwarz-Weiß-Töne mit ihren unzähligen Varianten und Kontrasten sind nicht nur sachlich, sondern auch politisch konnotiert, wenn sie wie hier von einem Kritiker der Apartheid ins Bild gesetzt werden

… nur einige der widerhallenden Echo-Gedanken, die spürbar werden können, Impulse, die Kentridge selbst erfährt beim Erfassen seiner Themen und die dann in seinen Werken weiter getragen werden in die Wahrnehmungs- und Erfahrungswelt des Betrachters.

Alles hinterlässt Spuren, nichts vergeht einfach so – selbst ein ausradierter banaler Stein in einer Landschaft auf einem grafischen Blatt hinterlässt einen Grauschleier.

Spürbar wird dieser Tatbestand schon in seinen frühen Kohlezeichnungen und den daraus resultierenden Videos „Drawings for Projection“, in denen nichts verloren geht, auch wenn viel ausradiert, neu überschrieben, verändert, erweitert, umgestaltet wurde. Die Zeichnungen und damit auch die daraus gemachten Filme tragen die investierte Zeit und die staubigen Überreste als Echo in sich.

Die vielen übermalten, überzeichneten, überklebten Buchseiten – sie alle fließen mit ihren Botschaften in die nächste Generation eines neuen Erscheinungsbildes, auch wenn die oberste Schicht dominanter erscheint, wie in dem „Sibyl“- Video von 2019. Nichts ist endgültig, alles befindet sich in einem fortdauernden Strom. Vergangenes wird überschrieben, neue Kontexte kommen hinzu.

 Auch die riesigen handgewebten Mohair-Tapisserien der „Porter“- Serie ziehen ein Echo hinter sich her, so z.B. „Carte Hypsométrique de l´Empire Russe“. Vorlage dazu war das Bild eines Bootes, auf dem viele Menschen während eines Tiber-Hochwassers in Rom 1937 Zuflucht fanden. Das Motiv, aus schwarzem, gerissenem Papier, die beweglichen Teile mit Klammern verbunden, aufgeklebt auf einer europäischen Landkarte des 19. Jahrhunderts - jedes Detail verströmt Bedeutung: grob, in Eile, raumfüllend, nur schattenhaft ahnbar, aber auch wissenschaftlich fundiert, authentisch, realistisch. Das überfüllte Boot auf geographischer Landkarte erinnert an Migrationsströme unserer Zeit. Die Ausführung in riesigen Tapisserien aus kostbarer Mohair-Wolle in wochen- und monatelanger Arbeit erstellt gibt der Aussage etwas Gesetztes, Bürgerliches, Akzeptiertes.

Auch das zum Ausstellungstitel gewählte „Drawing for Self-Portrait as a Coffee-Pot (2 Private Thoughts)“, 2021, 152x208cm, hinterlässt ein Echo im Betrachter. Entstanden während der Corona Pandemie, mit eingeschränktem Wirkungsbereich, ohne die sonst für Kentridge üblichen Kollaborationen, reflektiert der Künstler hier die Herausforderung des Auf-sich-gestellt-seins in seinem Atelier. Die grafische Arbeit zeigt einen nackten älteren Mann mit Hut in nachdenklicher Haltung vor einem großen Megafon in kärglicher Landschaft. Vor einem kleinen grünen Fleck erscheint ein Plakat „2 private Thoughts“ und im rechten unteren Winkel ein Schild „How can one be warm alone“. Der Widerhall der südafrikanischen Landschaft, die vielen aktuellen und vergangenen Einflüsterungen, das private physische Sein und all die vorwärts und rückwärts gerichteten Gedanken – so vieles hallt durch das Bild.

Dabei entsteht keine leicht fassbare, eindimensionale Antwort. Nein, als Betrachtende lauschen wir den Impulsen der gesetzten Zeichen. Lösungen im Sinne von Zeichen-lesen oder Zeichen-entschlüsseln entstehen uns daraus nicht, aber immer wieder Annäherungen an eigene Lebensfragen. Es gibt keine Eindeutigkeiten. Die Wahrheit liegt im Zweifel, so widerspricht Kentridge seinem Doppelgänger in einem Studio-Film, indem er das Gegenteil behauptet, Humor ist dabei Lebenshilfe, diese Unsicherheiten auszuhalten.

                                                                  

 

Meine Eindrücke von weiteren Ausstellungsbesuchen finden sich hier

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© Germaine Richter